Apr 252014
 

In folgenden Blogs werden wir Grundlagentexte als Vorschläge für die Gestaltung von Zukunftssalons veröffentlichen.
Den Anfang macht ein Text des australischen Poeten, Aktivisten, Permakultur-Praktikers und gegenkulturellem Denker Peter Lach- Newinsky , der- in Deutschland aufgewachsen- als Aktiver in der 68 -Bewegung zunächst in Frankfurt/M. aktiv war, und dann mit seiner Familie nach Australien auswanderte. Dort baute er ein Permakultur- Projekt auf und ist als Impulsgeber und Akteur in Projekten tätig. Er schreibt vielseitige und umfassende Beiträge für den grossen Wandel, die er auch regelmässig veröffentlicht.
Er hat als Schriftsteller verschiedene Gedichtbände verfasst und schreibt regelmässig essays zu vielen heute brisanten Themen.
Unsere gemeinsamen Wurzeln sind die Mystik, eine traditionsübergreifende Spiritualität, die Unterstützung der weltweiten Gegenkultur, die Suche nach zukunftsfähigen Lebensformen und ein lebenslanges „commitment“, sich für das gute Leben und „the good society“ mit ganzer Kraft und vollem Engagement einzusetzen.
Im Austausch mit ihm haben sich über viele Jahre immer neue Inspirationsfelder zu diesen zentralen Themen aufgetan, und von ihm kam auch im Jahre 2008 den Hinweis auf die gerade entstehende weltweite TransitionTown-Bewegung.
Peter hat den folgenden Text auch im Rahmen von selbstorganisierten „Conviviums“ zur Gesprächsgrundlage zum Thema „the good society“ gemacht, die an seinem Wohnort stattfanden.
DieseTexte sollen als Diskussionsgrundlage, als Gedankenanstöße dienen, sind also nicht gedacht als in Stein gemeißeltes Credo.
Hier nun sein Text in deutscher Übersetzung:

Nur ein bisschen Politik.
16 Thesen über die Gute Gesellschaft.
(von P. Lach-Newinsky)

Was wir bedauern ist, dass die Gesellschaft auf einer Basis konstruiert ist, die den Menschen in einen Trott hineinzwingt, in der er das Wunderbare, Faszinierende und Freudvolle in sich selbst nicht frei entwickeln kann – in dem er genau genommen den wahren Genuss und die wahre Freude des Lebens verpasst. Ungehorsam ist für jeden Geschichtskundigen die eigentliche Tugend des Menschen. Durch Ungehorsam entstand der Fortschritt, durch Ungehorsam und Aufsässigkeit.“
–    Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen (1891)

1. Die „Gute Gesellschaft“
Alles, was wir brauchen, um den Planeten, die Zivilisation und den menschlichen Geist vor extremem Leiden und einer Existenz zu bewahren, die kurz vor der Auslöschung steht, ist die Institutionalisierung der „Guten Gesellschaft“.

2. Präsenz
Um die gute Gesellschaft entstehen zu lassen bedarf es „lediglich“ der Befreiung der „Guten Gesellschaft“, die bereits in Form eines Samen, einer Knospe oder einer Blume überall und immer dann existiert, wenn sich Menschen auf spontane Weise solidarisch verhalten, sich gegenseitig unterstützen, miteinander kooperieren und gewaltfreies, direktes Handeln, zivilen Ungehorsam und kollektive Autonomie üben.

3. Autonomie bedeutet Selbstverwaltung; das heißt, dass Regeln, Gesetze (Nomos)*  durch direkte Demokratie (z.B. in Form von Versammlungen) von den Menschen selbst verhandelt werden. Im Gegensatz hierzu steht die Heteronomie** : die Regeln einiger weniger Menschen müssen von allen befolgt werden („hetero“)

4. Politik
Was die meisten normalerweise unter Politik verstehen (und dem sie auch mit Misstrauen und Abneigung begegnen) sind unterschiedliche Versionen von Heteronomie, selbst wenn diese sich selbst als „demokratisch“ oder „fortschrittlich“ bezeichnen: ein mühsames Gerangel um Positionen, Status, Privilegien und Macht über andere innerhalb einer eigenständigen politischen Klasse.

5 Die menschliche Natur
Autonomie, Solidarität und Ungehorsam sind in allen Kulturen und zu jeder Zeit Aspekte, die immer in der Natur und im Potenzial des Menschen gegenwärtig sind. Durch unsere gesamte Geschichte hindurch zieht sich ein langes und inspirierendes, kulturübergreifendes Vermächtnis in Form von autonomen, sozialen Bewegungen, Denkern und Künstlern gegeben.

6. Heteronomie
Die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Heteronomie äußern sich beispielsweise in besitzergreifendem Individualismus, Egoismus, Fremdenfeindlichkeit, Machthunger, Gehorsam, autoritären Strukturen und freiwilliger Sklaverei – dies sind auch schon immer Aspekte der menschlichen Natur und des menschlichen Potenzials gewesen.

7.Entfremdung
Das Patriarchat, der Staat und der Kapitalismus sind per definitionem unterdrückende Institutionen, die auf Fremdbestimmung basieren und die Entfremdung der menschlichen Natur sowie die Entfremdung des Menschen von seinem Potenzial für Autonomie, Solidarität, gegenseitiger Unterstützung und Kooperation verstärken. In dieser Entfremdung von unserer menschlichen Natur verbirgt sich auch unsere Entfremdung von der Natur, letztlich die Entfremdung von unserem tiefen Selbst.

8. Patriarchat
Die patriarchale Familie, der patriarchale Clan und Stamm haben sich in ein patriarchales Kriegsherrentum, Monarchien, Imperien und moderne Staaten entwickelt, die alle fest verankert sind in patriarchalen Verwandtschaftsbeziehungen, Religionen und Gewalt. Da nun eine Klassendominierung nicht länger nötig ist, sind moderne Staaten und Kapitalismus nun im Begriff, patriarchale Strukturen zu dekonstruieren und diese in Bezug auf Verwandtschaft, Reichtum und Macht weiblichen Strukturen anzupassen.

9. Der Staat kultivierte und basierte schon immer auf Heteronomie und Fremdenfeindlichkeit, die in erster Linie dazu dienten, die jeweils regierende Machtelite des Stamms bzw. der Nation zu erhalten. Krieg, Expansion, Kolonialismus und Imperialismus gingen immer mit dem (geheimen) Statut einher, welches besagt: „Krieg ist die Gesundheit des Staates“ (Randolph Bourne).

10. Sogar der parlamentarische moderne Staat unterdrückt unsere Autonomie: er will, dass wir lediglich als isolierte Steuerzahler, Wähler und Parteimitglieder leben, als passive Konsumenten eines politischen Spektakels im Hintergrund bleiben und, falls nötig, gehorsam als Kanonenfutter dienen.

11. Die Alternative zum Staat findet ihre Form in der partizipativen Demokratie, eine Institutionalisierung kollektiver Autonomie. Dies ist die politische Form der Graswurzelbewegung der guten Gesellschaft, in der das Volk direkt die Regeln erstellt und das Sagen hat. Jede Delegation ist zeitlich begrenzt, an einen speziellen Zweck gebunden, widerruflich und unterliegt dem Rotationsprinzip.

12. Der Kapitalismus kultivierte und basierte schon immer auf Heteronomie und einem konkurrierendem, besitzergreifendem Individualismus, welche in erster Linie dem Erhalt von Reichtum und Wohlstand der Eliteklassen dienten. Der fortgeschrittene Kapitalismus unterdrückt unsere Autonomie: er will, dass wir als verwirrte, isolierte Konsumenten und überarbeitete, in Konkurrenz stehende Arbeiter leben, die weder Solidarität noch Gemeinschaft haben und ohne jegliches Mitspracherecht in den Bereichen Investition, Produktion, Zuteilung und Verbrauch.

13. Die Alternative zum Kapitalismus findet ihre Form im Selbstmanagement von Arbeitern und Konsumenten: eine Institutionalisierung kollektiver Autonomie sowohl in der Produktion als auch in der Verteilung und im Verbrauch. Dies ist die wirtschaftliche Form der Graswurzelbewegung der guten Gesellschaft, die auch durch direkte Demokratie am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft überall dort ihren Ausdruck findet, wo eine Koordination im größeren Maße die Form….annimmt.
14. Der Abgrund
Es entsteht eine Dynamik, die in zweifacher Hinsicht eine institutionalisierte Entfremdung schafft: der Staat und ein in hohem Maße industrialisierter Kapitalismus – beide führen die Menschheit, die Zivilisation und den Planeten an den Abgrund extremen Leidens, fast bis hin zur Auslöschung.

15. Emergenz
Die „gute Gesellschaft“ ist überall auf der Welt am Entstehen und gleichzeitig auch nicht anwesend. Wie die meisten von uns muss diese „sich selbst finden“, ausdehnen sowie ein Bewusstsein für sich selbst und ihre eigenen Aufgaben entwickeln und dabei intensiv Vernetzung und Kommunikation betreiben. Aus diesem Prozess heraus, der das Globale mit dem Lokalen verbindet sowie aus dieser vielschichtigen und sich ständig entwickelnden starken Komplexität kann etwas entstehen, das in seiner Eigenschaft sowohl alt als auch neu ist und möglicherweise uns und unseren Planeten retten könnte.

16. Die Wahl
Ein Herumbasteln an den alten Institutionen des Staats und an kapitalistischen Denkarten, die uns bis an den Abgrund getrieben haben, wird uns nicht retten. Es ist die Utopie der „guten Gesellschaft“ oder die Dystopie***  der Barbarei und der Verwüstung. Es ist die Wahl zwischen unserer autonomen Natur und fremdbestimmten Natur.

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*Anm. d. Übers.: Nomos ist der griechische Terminus für Gesetz, aber auch für Brauch, Übereinkunft. Er bezieht sich nicht nur explizit auf Gesetzte, sondern auf alle normalen Regeln des Alltags, die die Menschen für selbstverständlich erachten. Sie sind ein soziales Konstrukt, mit ethischer Dimension. ( nach www.wikipedia.org)
**Anm. d. Übers.: „Heteronomie ist im Gegensatz zur Autonomie Fremdgesetzlichkeit bzw. -bestimmtheit und bedeutet die Abhängigkeit von fremden Einflüssen bzw. vom Willen anderer.“ (wikipedia.org)
*** Anm. d. Übers.: Eine Dystopie oder Anti-Utopie ist in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit oftmals negativem Ausgang. Sie handelt von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus Utopia dar. (nach wikipedia.org)

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Anmerkungen und Zitate

The Guardian Weekly 23-29/9/2005, S. 7 enthielt folgenden Artikel:

„Weltweit Umfrage – Politikern wird am wenigsten vertraut“

Die meisten Menschen sind der Meinung, dass ihre Regierung ihre Wünsche nicht berücksichtigt, wie eine weltweite Meinungsumfrage ergibt. In den Ostblockstaaten mangelt es am meisten an Vertrauen in die eigene Regierung – 75 % der Menschen sagen, dass ihr Land nicht nach dem Wille des Volkes regiert wird. Ähnliche Ansichten vertreten die meisten Europäer (64%) und Nordamerikaner (60%).

Gallup wurde vom BBC World Service beauftragt, mehr als 50000 Menschen in 68 Ländern zu interviewen, die die Meinungen von 1,3 Milliarden Menschen repräsentierten. (…)

Insgesamt zeigte sich, dass etwas weniger als die Hälfte aller Befragten das Gefühl hatte, dass die Wahlen in ihrem Land frei und unter fairen Bedingungen durchgeführt wurden. (…)

Mit lediglich 13 % repräsentieren Politiker weltweit die Berufssparte, der am wenigsten vertraut wird (dieser Prozentsatz bezieht sich auf diejenigen, die bereit sind, Politikern Vertrauenswürdigkeit zuzubilligen.)

Das Maß an Vertrauen in alle Arten von Führern und insbesondere in die Medien ist in Europa sehr gering. In Afrika genießen religiöse Führer das größte Vertrauen (…). In den Vereinigten Staaten haben 50% der Bürger Vertrauen in religiöse Führer und 40 % würden ihnen mehr Macht geben.“

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Kommentar

Es ist kein Wunder, dass man solche Meinungsumfragen nicht auf der Titelseite oder in der Hauptsendezeit findet, sondern gut versteckt in kleinen Artikeln auf  der siebten Seite intellektueller, seriöser Zeitungen wie dem Guardian Weekly. In jeder echten Demokratie wären die Auswirkungen einer solchen Umfrage verheerend. Sie machen deutlich, dass die Systeme, die offiziell „demokratisch“ genannt werden, von einer klaren Mehrheit in keinster Weise so empfunden werden. Hier ließe sich auch eine rationale Erklärung für ein weit verbreitetes Desinteresse (wenn nicht sogar Abneigung) an Wahlen und Parteipolitik finden, wie es in den meisten entwickelten Ländern, sogar oder insbesondere dort, wo Wahlpflicht herrscht, der Fall ist. Manchmal ist es tröstlich zu wissen, dass die große Masse die eigenen Ansichten teilt und man nicht damit allein am Rande steht – dass in Wahrheit die Systemgläubigen am Rande stehen.

Wenn dieses augenscheinliche Misstrauen so weit verbreitet ist, geht es seltsamer Weise zu oft mit dem weit verbreiteten Glaube der Menschen an Führer und Wahlen einher sowie dem Glaube an die Bereitschaft und Fähigkeit der Führer, die Probleme der Menschen zu lösen. Dieses Phänomen mag lediglich eine weitere Version einer weit verbreiteten Ambivalenz und kognitiven Dissonanz  in Bezug auf die Macht des Einzelnen, das Selbstvertrauen und die Verantwortung sowie das Fehlen dieser Qualitäten sein; dies findet möglicherweise seinen Ausdruck in einem inneren Kampf zwischen der nach innen gerichteten Autonomie des „inneren Erwachsenen“ und der nach außen gerichteten Fremdbestimmtheit des „inneren Kindes“. Praktische und gleichermaßen kreative Wege zu finden, ein Hinauswachsen des erstgenannten über das letztgenannte sowohl in sich selbst als auch in anderen zu stärken und zu fördern, – darin bestünde die Rolle eines anti-autoritären Sozial- und Kulturaktivisten.

Vgl. auch mein Essay „Politische Mythen, mit denen wir leben.“

Vgl. Punkt 5 meiner Liste von Denkern in „Credo quia absurdum“ und von sozialen Bewegungen in „Echos der Autonomie“.

Punkt 6  Ein aktuelles Beispiel für den Ausdruck weit verbreiteter Fremdenfeindlichkeit und Fremdbestimmtheit zeigt sich in einer Meinungsumfrage, die im Januar 2014 in Australien durchgeführt wurde, dem Land des „fair go“. Hierbei forderten 60% der befragten Teilnehmer die Regierung unter Tony Abbott auf, von politischer Seite aus härter gegen Asylbewerber vorzugehen – als ob die Brutalität und der Missbrauch von Menschenrechten auf den Inseln Manus und Nauru nicht schon unmenschlich genug gewesen wären. (W.Aly, ‚The whole point of detention for asylum seekers is horror, whether it is acknowledged or not ‚, Sydney Morning Herald, 21/2/2014, S.20)

Punkt 13 Laut Aussage eines Forschungszentrums  der Universität Melbourne, welches  sich aus staatlichen Mitteln finanziert, sind 75% der Arbeitnehmer, die an einer Umfrage teilgenommen haben, der Ansicht, dass ihr Arbeitsplatz schlecht geführt wird und eines besseren Managements bedarf. Ebenso sind 75% der Meinung, dass sie selbst die Fähigkeit und das Wissen für eine gute Führung haben. 84% sagten, dass sie aus Eigeninitiative Aufgaben ausgeführt haben, die nicht im Rahmen ihrer Arbeit eingefordert wurden. (C. Lukas, ‚The boss sucks: study reveals most workers feel they should be in charge‘ , The Sydney Morning Herald 20/2/2014, S.2)

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