Aug 022013
 

Bei  Ajudada in Portugal – drei außergewöhnliche Tage in Portalegre (14.-16.6.2013)

Nachdem ich alle deutschen TransitionTown-Konferenzen seit deren Beginn in den letzten drei Jahren besucht hatte – sowohl als Teilnehmer, als auch als Referent und Workshop-Leiter – war ich sehr gespannt, mir die Zeit zu nehmen und diesen Juni einer Einladung nach Portalegre zu folgen. Nach Portugal, meinem neuen zu Hause, wo ich gerade erst hingezogen war.
Zu Beginn des Jahres hatte ich ein Interview mit Filipa (Pimentel) gelesen und es wurde mir sehr klar, dass der Fokus von Ajudada, das Erforschen der „Ökonomie der Verbundenheit“, tatsächlich sehr mit meinen eigenen Erfahrungen, Einsichten und Hoffnungen dieses Landes einherging. Ein Land, das tiefe Leiderfahrungen mit den dunklen Schatten der Globalisierung machen musste: dem Rückgang von Industrie in Portalegre, einer Arbeitslosenquote von 50 Prozent, Depression, menschlicher Verzweiflung sowie dem Verlust positiver Veränderungsperspektiven.

Jeden Tag die Wahl zu haben, jeden Tag eine neue Perspektive zu entwickeln, mit Kopf, Herz und Händen – das war für mich bei Ajudada ein sehr klarer Fokus, der sich in Aktivitäten wie dem „Runden Tisch“, spontanen FLash-Präsentationen, Workshops, kreativen gemeinsamen Aktionen ausdrückte, wie z.B. am letzten Tag, der mit einem gemeinsamen Picknick endete.
All dies trug zu einem bunten Gewebe, einer Dynamik bei, die man mit Erstaunen nicht nur beobachten, sondern an der man teilhaben und der man zusehen konnte, wie sie sich entfaltet!
Sehr berührend war am „Tag des Herzens“ die Tiefe des persönlichen Teilens, wie ich es in meinem Workshop zum „Earth Forum“ (und auch in anderen) sehen konnte.
Earth Forum Portaleger 2013
Earth Forum, Charles Eisenstein (2.ter von links)

So viele Geschenke für jeden und jede, die in dem lagen, was gesagt, ausgedrückt und anvertraut worden war und somit das unsichtbare Netz der Verbindung verdichtete.
Die Stadt war geradezu gefüllt mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, die alle die Aspekte einer Gemeinschaft und Wirtschaft erforschten und erarbeiteten, „in welcher jedeR seinen Part beitragen kann.“ Dabei wurde die Fülle und Bandbreite an Erfahrungen, Modellen, Prototypen und konkreten Aktionen in Parks, Versammlungssälen, Schulen, Kinos und Kunstausstellungen gefeiert. An weiteren Plätzen, vor allem den öffentlichen Plätzen der Stadt, wurde die Bevölkerung mit einbezogen und es entstand ein Gefühl von Verbindung mit den Menschen vor Ort, durch die Herzen, durch die Freude und durch Einladungen.

Es war für mich persönlich sehr berührend zu sehen, dass all diese Dinge ohne Geld geschahen: weder Eintrittskosten noch Geld für Essen, das mit Liebe in der schönen Cafeteria zubereitet worden war, mussten ausgegeben werden – auch keine Kursgebühren für Workshops oder Honorare für Referenten. Es gab Möglichkeiten zur freien Unterkunft, Couch Surfing und Ähnliches…
Ein besonderer Fokus war die Frage, was sich in Portalegre durch die Erschaffung eines „Job-Brutkastens“ entwickeln könnte, wobei man ermutigende Modelle der Unternehmensgründung sah und gemeinsam mit Menschen aus Portalegre in einem „fishbowl “ sass und sich dabei beispielsweise die Frage stellte: „Welche Geschenke könnten wir uns gegenseitig machen und was hindert uns daran?“

All dies trug zu einem Gemeinschaftsgefühl bei und öffnete einen kurzen Blick in ein Leben, wie es tatsächlich sein könnte, ohne jenen krankmachenden Zugriff eines monetären Systems auf mehr und mehr Lebensbereiche.
Es fühlte sich fast so an, als würde man auf neuem Boden gehen, dem Boden von Vertrauen, Verbundenheit und des Teilseins in einem Netz von unterstützenden Freunden, Nachbarn und Verbündeten.
Ajudada war für mich und für die meisten Menschen – da bin ich mir sicher – ein Meilenstein, ein erster Geschmack neuer Schritte in ein Leben hinein, in dem das Geschenk von Geben und Nehmen das unterstreicht, was wir in unseren Leben auch wirklich tun. Ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung, die es als unsere gemeinsame Erforschung weiterzuführen gilt.
Ein großer Dank geht an das wunderbare Dream-Team. Ich mochte den TransitionTown-Geist sehr, der sich unaufdringlich und doch sehr präsent in der Entstehung dieser neuen Art von Event zeigte.
Um es noch einmal zusammenzufassen: in eine Welt hineinzulauschen (wie an dem Abend mit C.Eisenstein), die jenseits eines Dominierens durch Geld bereits im Begriff ist, von uns erschaffen zu werden, von unterschiedlichen Nationen, hier in Portalegre. Und hoffentlich an vielen anderen Plätzen in der ganzen Welt! Ajudada ist ein sehr kreatives und wichtiges Modell, was Menschen hier in Europa anzieht – so wird mir immer klarer – deren Geschenk darin besteht, zu helfen, beizutragen, ihre Leben mit andern teilen und gemeinsam durch Aktionen ein gemeinsames Ajudada ,Resilienz und Vertrauen in das Leben aufbauen.

Sehr ermutigend, sehr wichtig, herzlichen Glückwunsch!

(Michael Plesse, Deutschland/Portugal)